Meine letzten Rede-Analysen haben wieder einmal die Wichtigkeit von Augenkontakt gezeigt, um die eigene Botschaft entsprechend zu kommunizieren. Was dabei aber zu kurz gekommen ist, ist die Tatsache, welchen überragenden Stellenwert die Augen für die Analyse des emotionalen Zustandes unseres Gegenübers haben. Und zwar mehr als alle anderen Teile des Gesichtes.

Den wissenschaftlichen Hintergrund liefert die 2017 erschienene Studie von Daniel H. Lee und Adam K. Anderson, „Reading What the Mind Thinks From How the Eye Sees“. Hierbei wurden die Auswirkungen des Zusammenspiels unterschiedlicher Augenöffnung (und entsprechender Sichtbarkeit des Augenweißes), Brauenstellung sowie Augen-, Schläfen und Nasenfältchen untersucht.

Das Ergebnis ist einerseits ein weiterer Beweis dafür, wie eng Körper und Geist zusammenhängen und gibt andererseits Hinweise darauf, warum wir Menschen mit großen Augen automatisch sympathischer und „ungefährlicher“ empfinden.

Im Detail

Links (bzw. oben) sehen Sie die Elemente, die in der Studie gemessen wurden, rechts die emotionale Zuordnung (die Autoren sprechen von mental states, weshalb ich in Folge den Terminus „mentalen Zustände“ verwende). Überraschend ist die Dichte der mentalen Zustände, die mit verkleinerten Augen einhergehen. Ob diese positiv oder negativ besetzt sind, hängt von der direkten Augenumgebung – nämlich Brauenstellung und Fältchenbildung – ab. Zusatzanalysen haben ergeben, dass diese Asymmetrie der Zuordnung nicht den mentalen Zuständen der für das Experiment gewählten Stichprobe zuzuschreiben ist, sondern es tatsächlich mehr Zustände gibt, die sich durch einen Bedarf an stark ausgeprägter Unterscheidungsfähigkeit (= Fokussierung auf bestimmte Details) auszeichnen. Jene mentalen Zustände, die ein Maximum an generellem (= breit gestreutem) Informationsinput brauchen (z.B. Interesse, aber auch Angst), sind dagegen generell weniger und können auch leichter entschlüsselt werden.

Dem Augenweiß kommt dabei eine ganz besondere Stellung zu, weil selbst eine geringe Veränderung des sichtbaren Bereiches eine spürbare Veränderung für die Signalverarbeitung durch das Auge bedeutet und dies wiederum eine deutliche Veränderungen für die generelle Informationsaufnahme bedeutet. d.h. grob gesagt, fokussiert jemand, der in Wut ist, auf ganz spezifische Details – und schirmt sich gleichzeitig vor einer allzu breiten Informationsaufnahme ab –  indem er die Augen zusammenkneift und auch die Augenumgebung eine Stellung einnimmt, die eine maximale Fokussierung des Informationsaufnahmebereichs hervorruft. Alle, die schon einmal in Wut geraten sind – und ich fürchte, niemand ist hier auszunehmen – wissen, dass sie in dem Moment tatsächlich für neue/ alternative Informationen nicht offen waren.

Interessant ist nun, dass das Gegenüber mit dem Sender der „Augenbotschaft“ in Resonanz geht, und zwar aus einer physischen Notwendigkeit heraus: Große Augen sind starke körperliche Signale, die mit einer kleineren Gruppe von möglichen mentalen Zuständen assoziiert sind und daher weniger Unterscheidungsfähigkeit/ weniger genaues Hinsehen brauchen. Daher bleibt der Empfänger in einem neutraleren Augentonus. Enge Augen hingegen senden viel schwächere Signale und sind viel weniger deutlich in ihrer Diagnostik, erfordern also eine genaue Prüfung, was wiederum zur entsprechenden Augenstellung führt (= Fokussierung auf Details).

In Zusatzexperimenten, die auch die untere Gesichtshälfte miteinbezogen, wurde deutlich, dass dem Augenbereich ganz klar die erste Priorität bei der Entschlüsselung von Informationen zukommt, selbst dann, wenn Augen und Mund eine unterschiedliche Sprache sprechen. D.h. wenn die Botschaften inkongruent sind, werden immer noch die Augen zum Dechiffrieren des mentalen Zustandes des Senders herangezogen. (Blickrichtungen wurden übrigens ganz bewusst bei dieser Untersuchung ausgespart, wissend, dass auch diese für die Entschlüsselung des mentalen Zustandes des Senders ganz wesentlich sind.)

Was können wir daraus lernen?

1. Wir können unseren mentalen Zustand – ich würde ihn eher unseren „psychischen Zustand“ nennen – selbst beeinflussen, und zwar durch die Art, wie wir die Augenmuskulatur bedienen.

  • Ein angespannter Blick ist nicht nur Ausdruck von Anspannung und potentieller Aggressivität, sondern kann diese auch verstärken bzw. aufrecht erhalten. Sie können sich relativ einfach abhelfen, indem Sie den Augen eine kurze Entspannung gönnen – sie schließen, die Handflächen auflegen und einen Augenblick bewusst in diesen „Abschaltzustand“ gehen.
  • Oder wenn Sie jemandem zuhören und dazu neigen, die Augen zu verengen, weil Sie das Gesagte versuchen einzuordnen – d.h. Sie sind eigentlich im „Prüfungsmodus“ anstatt im offenen „Aufnahmemodus“: versuchen Sie ganz bewusst, Ihr Gesicht und damit auch Ihre Augen in einen „Neutralmodus“ zu setzen, d.h. die Muskulatur um das Auge zu entspannen und daher die Fältchenbildung zu verringern. Wenn Sie es schaffen, auch noch die Augen bewusst etwas zu vergrößern, werden Sie merken, wie viel offener Sie plötzlich für die Aufnahme der Information werden. Gleichzeitig senden Sie ein Signal an Ihr Gegenüber, das da lautet: ich bin „offen“ (!), interessiert, ungefährlich. Sie wirken automatisch weniger bedrohlich und sympathischer.

2. Wir können den Gefühlszustand unseres Gegenübers noch deutlicher entschlüsseln, wenn wir uns in seine „Schuhe“ begeben, indem wir mit dem physischen Zustand der Augen und Augenpartie nicht nur unbewusst in Resonanz gehen, sondern dies ganz bewusst machen

Es ist die Art, wie wir das Wunderwerk unserer Muskeln bedienen, die unseren mentalen Zustand nicht nur ausdrückt sondern auch „ein-drückt“.

Weitere Ressourcen zu diesem Thema:

  1. Wissenschaft: „Reading What the Mind Thinks From How the Eye Sees“, Power Posen
  2. Training: Online-Kurs „Charisma 2.0“ 
  3. Selbst-Coaching: Buch „Charisma: das 9-Wochen-Programm“, Tischkalender mit 52 Ideen und Übungen und mehr
  4. Rede-Analysen: Martina Gleissenebner-Teskey auf YouTube