Dieser Artikel ist zuerst im IT-Blog von CONFARE erschienen. 2019 habe ich die Freude, im Rahmen des CIO Summits zum Thema „TALENTE bewegen“ meine Keynote zu halten. Millennials wünschen sich nichts anderes von ihren Führungskräften als alle anderen auch. Aber das mit mehr Nachdruck. Ein Aufruf, zu reifen.

 

Millennials und die Notwendigkeit „authentischer Souveränität“ in der Führung

Von Martina Gleissenebner-Teskey

 

Es ist schon viel über die junge Generation, über die scheinbar immer noch unbekannte Gattung der Digital Natives geschrieben worden und ich will mich hier nicht wiederholen. Was mir im Kontext zu Führung aber als wesentlich erscheint, ist eine Eigenschaft, die ich als „authentische Souveränität“ bezeichnen möchte.

Was sowohl Studien (Deloitte Millennial Survey 2018)  als auch Praxiserfahrungen (siehe Video und exemplarisch die Aussage von Erika Meinolf, Leiterin der Abteilung Personal und Recht der NÖ Landeskliniken-Holding und u.a. zuständig für die Personalentwicklung der rund 21.500 MitarbeiterInnen der Landeskliniken) zeigen, ist, dass die jungen Menschen nicht nur viel von sich selbst halten – das Kernziel der Erziehungsmethoden, die in den letzten Jahrzehnten propagiert wurden, war ja genau das Erziehen selbständig denkender, selbstbewusster Menschen – sondern sich im Umkehrschluss auch nicht von Positionstiteln beeindrucken lassen, sondern einzig und allein durch Menschen, die ihnen durch ihr erfolgreiches Handeln zum Vorbild gereichen können.

„Tun!“, lautet die Devise – denn reden können die Millennials schon selbst.

Diese junge Generation, die oft zu glauben scheint, schon alles zu wissen und das auch noch besser, fordert Führungskräfte heraus, selbst jung und flexibel im Kopf zu bleiben, sich nicht auszuruhen auf einmal erworbenen Fähigkeiten und Lorbeeren, sondern stets weiter zu denken und zu handeln. Und das allein ist noch nicht genug. Das Denken und Handeln sollte auch mehrheitlich erfolgreich sein.

Und da kommt der Anspruch der „authentischen Souveränität“ ins Spiel: Souveränität ist zu einem großen Teil das Ergebnis von Erfahrung. Wer erst mit einer Sache beginnt, kann Souveränität höchsten vorschützen, aber nie souverän sein.

Die unausgesprochene Frage, die junge Menschen an ihre Führungskräfte stellen, lautet:

Bist du souverän (= „überlegen“) genug, um mich etwas lehren zu können? Stehen dein Wissen und deine Erfahrung tatsächlich über meinem Wissen und meiner Erfahrung?

Nur wenn du das kannst, werde ich dir folgen. Nur wenn du das kannst, kannst du mich bewegen.

 

Die Conclusio ist erstaunlich: Millennials brauchen zwar Führungskräfte, die im Denken und Handeln flexibel und jung bleiben, aber gleichzeitig im besten Sinne „erwachsene“, nämlich reife Menschen, die ihnen Orientierung und Halt geben können. Die nicht beim ersten Windstoß umfallen und sich ängstlich an alte Prozedere klammern. Die vorwärts denken und gleichzeitig die Erfahrungspunkte in ihrer Vergangenheit so verbinden können, dass sie zum Treffen nachhaltig richtiger Entscheidungen befähigt sind.

Diesen Spagat zu leisten, das mag im ersten Moment schwierig erscheinen; die Reaktion „Was soll ich denn noch alles machen?!“ scheint aufgelegt – aber eigentlich ist dieser Spagat der Inbegriff des Mensch-Seins an sich. Der Mensch hat die Möglichkeit, bis an sein Sterbebett zu lernen und zu wachsen. Die Fähigkeit, neue neuronale Verschaltungen im Gehirn herzustellen – also immer neu denken und handeln zu können – ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, die wir aus Gewohnheit einfach nicht genug nützen (Lektüreempfehlung: „Schnelles Denken, Langsames Denken“, Daniel Kahnemann). Dabei gleichzeitig den Schatz an Erfahrung und Erkenntnissen aus der Vergangenheit nicht einfach über Bord zu werfen, sondern immer wieder einer Neubewertung zu unterziehen, ist eine Übung, die moderne Führungskräfte zu leisten gefordert sind.